«Es wird ungeheuer viel ‹Seelengüsel› produziert»

Jürg Jegge in der «Schweizer Familie» vom 23. November 2006

 

 

Jetzt ist es auch schon dreissig Jahre her, dass mein Buch «Dummheit ist lernbar» erschien. Es fand damals ziemliche Verbreitung. Es lag gleich stapelweise neben der Ladenkasse; sogar an den Bahnhofkiosken war es zu kaufen. Heute findet man es hauptsächlich auf dem Flohmarkt. Zusammen mit anderem verstaubtem Gerümpel.

 

Und die Sache, um die es geht – ist die auch verstaubt? Ich unterrichtete damals Sonderschüler. Sie galten als «dumm». Ich versuchte zu zeigen, dass ihre «Dummheit» nicht angeboren war, sondern dass sie diese «erlernt» hatten. Sie kamen meist aus Elternhäusern, die mit der Schule nichts am Hut hatten, aus sogenannt «bildungsfernen Schichten». Und sie waren durch die dauernden Misserfolge entmutigt und litten tief innen an einer traurigen Grundstimmung. Hat sich in den dreissig Jahren etwas verändert? Ist Dummheit nicht mehr lernbar? Für mein neues Buch «Die Krümmung der Gurke. Menschen – nicht stapelbar» versuchte ich, eine Bilanz zu ziehen. Ich sprach mit Lehrerinnen, Schülern, Schulpsychologinnen, Kinderpsychiatern und las mich quer durch die einschlägige Fachliteratur. Das war für mich sehr lehrreich.

 

Eigentlich herrscht an den Schulen Hochbetrieb. Untersuchungen werden gemacht, Vergleiche angestellt, Bildungsstandards festgeschrieben, Qualitäten gesichert und gemanagt, Leitbilder geschaffen und auf Hochglanzpapier gedruckt, Mitarbeiter beurteilt. Aber nach wie vor kommen in dieser Schule Kinder nicht auf ihre Rechnung, erhalten sie nicht die Förderung, die sie zu einem selbstbestimmten Lebenbefähigen würde. Und nach wie vor ist der «Seelengüsel», den diese Schuleproduziert, ungeheuerlich.

 

Eine im Jahr 2003 veröffentlichte Studie zeigt: Bei siebenundfünfzig Prozent aller Drittklässler im Kanton Zürich wurde im Lauf ihrer kurzen Schulzeit bereits eine sonderpädagogische oder sonstige Massnahme notwendig. Dazu kommen noch die privat organisierten Therapien und Nachhilfen, über die keine Zahlen vorliegen. Andere Untersuchungen zeigen: Die Anzahl der Kinder, die wegen Schulproblemen beim Schulpsychologischen Dienst angemeldet werden, steigt ebenfalls von Jahr zu Jahr. Rund zehn Prozent (in manchen Schulgemeinden sind es bis zu fünfzig Prozent) der Knirpse in jedem Jahrgang sind davon betroffen. Das sind ungefähr doppelt so viele wie vor fünfzehn Jahren. Ein Schulpsychologe berichtete, dass rund zwanzig Prozent aller Schüler seiner Gemeinde wegen deutlicher Anzeichen von Depressionen oder wegen sonstiger Angstzustände bei ihm angemeldet würden.

 

Die Beiz und der Schulbetrieb

 

Man stelle sich das bei einer Beiz vor: Siebenundfünfzig Prozent der Gäste müssen zum Arzt, nachdem sie dort gegessen haben, ungefähr die Hälfte davon wird zum Spezialarzt oder ins Spital weitergeleitet, dazu kommt eine unbekannte Anzahl von EsserInnen, die sich ihre Magenverstimmung aus der Hausapotheke kurieren. Wie lange bliebe das Lokal wohl noch offen? Die Lebensmittelkontrolle würde sehr rasch und vermutlich ziemlich wirkungsvoll eingreifen.

 

Der Besitzer könnte die Schuld wohl kaum seinem Servierpersonal zuschieben. Das ist in der Schule nicht anders: Weitaus die meisten der Lehrerinnen und Lehrer geben sich redlich Mühe, eine gute Arbeit zu leisten. Aber sie sind selber unter Druck. Und dieser Druck kommt von verschiedensten Seiten: Von der Schulbehörde, die lieber eine kontrollierbare als eine lebendige Schule möchte. Von den Eltern, die, aus lauter Angst, ihr Kind finde später seinen Weg nicht, schon heute lieber ein erfolgreiches als ein fröhliches Kind haben.

 

Andere Schüler müssen her

 

Auf gar keinen Fall könnte sich der Betreiber des Restaurants darauf hinausreden, der Grund für dieses Malaise sei bei seinen Gästen zu suchen. Diese müssten eben widerstandsfähigere Mägen haben. Aber genau das passiert in der Schule. Die Kinder seien nicht mehr wie früher, frecher, weniger belastbar, unaufmerksamer, kämen aus schlechteren Familienverhältnissen, redeten verschiedene Sprachen, hätten verschiedene kulturelle Hintergründe, seien zuwenig anpassungsfähig. Kurz: Die Schule wäre schon recht, man müsste halt andere Schüler dafür haben. Dummerweise haben wir jetzt diese Kinder, und die kommen jeden Tag in die Schule und haben ein Anrecht darauf, dass sie ihren Begabungen gemäss so gut wie nur möglich gefördert werden.

 

So wird der Beizer vermutlich die Kontrollen verstärken. Kontrollieren kann er viel, von der Grösse der Portionen über die Serviergeschwindigkeit bis zu den Fingernägeln des Personals. Aber eines wäre ganz klar: Wenn den Gästen nach dem Essen immer noch schlecht wird, hat man vermutlich das Falsche kontrolliert.

 

Und in der Schule? Da wird seit dreissig Jahren verbessert und kontrolliert und immer mehr verbessert und mehr kontrolliert. Und diese ganze Verkontrollbesserei hat vor allem eines gebracht: mehr «Seelengüsel». Eigentlich ist ganz klar: Je mehr Massstäbe ich ansetze, desto grösser wird die Anzahl der Menschen, die diesen Masstäben nicht genügen. Je häufiger dies festgestellt wird, desto grösser wird der Druck, der auf Lehrerinnen und Schülern lastet. Und je öfter Menschen die Erfahrung machen, dass sie nicht genügen, desto grösser wird ihre Entmutigung. Da werden die Embracher Schüler mit denen vom Zürichberg verglichen – man nennt das «Bildungsstandards». Oder man vergleicht die Schweizer Schülerinnen mit den finnischen – die berühmt-berüchtigte «Pisa-Studie». Vergleiche sind ganz nützlich und lustig, wenn man sie nicht allzu ernst nimmt. Wenn aber eine Pisa-Studie so gewichtig wird wie die Rangliste der Fussballweltmeisterschaft («Wir sind leider nicht so gut wie die Finnen, aber wenigstens besser als die Deutschen»), ist das unsinnig. «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» hat Lenin gesagt. Im Gegensatz offenbar zu vielen Schulverantwortlichen halte ich ihn nicht für einen besonders bedeutenden Pädagogen.

 

Den Kindern Respekt entgegen bringen

 

Nein, wenn wir eine Schule wollen, die weniger «Seelengüsel» produziert, müssen wir das anders anpacken. Das müsste eine Schule sein, in der den Kindern Respekt entgegengebracht wird vor ihrer persönlichen Entwicklung. In der sie ihre eigenen, speziellen Begabungen entdecken und entfalten können. Und in der sie für ihre Entwicklung möglichst viele und vielfältige Anregungen erhalten.

 

Ansätze dazu sind vorhanden. In vielen Schweizer Schulstuben.